Von der Besiedelung bis zur modernen Stadt

Jablonec nad Nisou ist das typische Resultat einer ruhelosen Gründerzeit, die das Antlitz dieser Stadt entscheidend prägte. Erstmals erwähnt wurde eine Siedlung „Jablonecz“ 1356 in  Konfirmationsbüchern des Prager Erzbistums. Lausitzer Truppen, die gegen Jiří von Poděbrady kämpften, brannten die Siedlung 1469 nieder. Noch 1538 wurde der Ort in der Landtafel als wüst erwähnt. Das änderte sich erst unter dem neuen Eigentümer der Herrschaft Malá Skála Jan von Vartenberk, der wie auch andere damalige Adlige in seinen Ländereien zu wirtschaften begann. Der Reichtum an Holz und Wasser bestimmten weiterhin das Schicksal der Gegend um Jablonec. Glasmacher aus dem Lausitzer Gebirge und aus Sachsen ließen sich hier nieder und schufen eine Glasindustrie von europäischer Bedeutung. Nachdem die damaligen Besitzer, die Grafen Desfours, im Mai 1706 einen ersten erfolglosen Versuch unternahmen, Jablonec zu einem Marktflecken zu erheben, gelang es schließlich dem neuen Eigentümer der Domäne Malá Skála, Franz Zacharias, beim Kaiser das Einverständnis zu erwirken. Jablonec hatte jedoch weiterhin  den Charakter eines Dorfes am Fuße des Gebirges, dessen bescheidenes Zentrum aus Kirche, Pfarre, Schule, Spital und dem Gasthaus Goldener Löwe bestand.

Mit der Erhebung erhielt es zwar bestimmte Privilegien, einschließlich des Marktrechts, hatte aber praktisch keinen Platz dafür. Deshalb wurde noch im gleichen Jahr der Ingenieur Johann Benesch mit der Erarbeitung des Regulierungsplans beauftragt, der erstmals ein echtes  Zentrum mit neuem Marktplatz vorsah (Altmarkt, Starý trh, heute Mírová). Die Hauptstraße war die Komenský Straße, die den Marktplatz mit der Kirche verband. Zu dieser Zeit gewann auch die Produktion von Modeschmuck aus Glas an Bedeutung. In die Gegend von Jablonec kam sie aus dem nahen Turnov und Hodkovice nad Mohelkou und erfuhr eine ungeahnte Konjunktur. Die trug dazu bei, dass Jablonec 1866 zur Stadt aufstieg, deren Symbol das neue Rathaus am Neumarkt wurde (Dolní náměstí, 1867–69, Ludwig Seidemann, Gustav Sachers).

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Hand in Hand mit der industriellen Entwicklung entstand in der Stadt auch ein Bauboom. Das städtebauliche Konzept wurde von der dramatischen und sehr abschüssigen Konfiguration der Bebauungsflächen der Stadt bestimmt. Deshalb legte man 1864 den Neumarkt am Fuß eines Hanges an, auf dem sich der Platz des Friedens (Mírové náměstí) befindet, zu dem ihn zwei abschüssige Gassen verbanden (Lidická und Kamenná). Die neu angelegte Soukenná Gasse erlaubte endlich, die St. Annenkirche und den historischen Kern besser in den Organismus der neu entstehenden Stadt einzugliedern. Ein entscheidender Moment war auch der Bau der kaiserlichen Riesengebirgsstraße 1847–51, die Liberec mit Trutnov verband. Sie führte von Liberec über Vratislavice nad Nisou und Proseč nad Nisou nach Jablonec, wo sie über die heutige Liberecká Straße, den Platz des Friedens und weiter in Richtung der Berge führte. Der Verlauf stimmte mit der heutigen Podhorská Straße überein, einer der Hauptverkehrsadern der Stadt, an der großzügige neue Reihenbauten im Stil des Historismus und später im Jugendstil entstanden, die von berühmten Exporthäusern geschaffen wurden.

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Eine weitere Vergrößerung von Jablonec, deren Autor Ingenieur Gustav Müller war, erfolgte praktisch in alle Richtungen. 1880 entstand eine sog. Gartenstadt nördlich vom Zentrum als Villenviertel, begrenzt durch die Straßen Generála Mrázka, Liberecká, Rýnovická, Větrná und Palackého. Trotz ihrer strengen geometrischen Struktur bekam sie schon bald den Charakter  einer exklusiven Wohngegend, vor allem wegen der frei stehenden Villen, durch die es gelang, das kompakte Blocknetz aufzulockern. An diese Regulierung knüpfte 1883 eine noch weitaus großzügigere Ausdehnung der Stadt in südliche Richtung an, die auch die Aue der Lausitzer Neiße einbezog. Hier entstanden sowohl kompakte Blockbauten mit mehrstöckigen fast großstädtischen Häusern im breiteren Zentrum, als auch frei stehende Villen, typisch für erhöhte Lagen mit beeindruckender Aussicht und gesundem Klima. Im Südteil der Stadt, praktisch an der damaligen Stadtgrenze, entstand der Bahnhof (1888), um den sich hiesige Kaufleute schon seit langem bemüht hatten. Damit war die Regulierung der Stadt praktisch beendet und hatte mehr oder weniger die heutige Gestalt. Für den immer noch freien Raum des Gewerbeplatzes (Horní náměstí) erwog die Stadt den Bau einer neuen katholischen Kirche, man überlegte hier auch das Stadttheater oder ein weiteres Gebäude der Kunstgewerbeschule zu errichten, aber dazu kam es letztlich nicht mehr.

Den spezifischen Charakter von Jablonec als Gartenstadt beeinflusste auch die lokale Industrie, die mehr oder weniger nach dem Prinzip verstreuter Manufakturen funktionierte und wo industrielle Objekte innerhalb der Stadt verboten waren. Die letzte Neugründung war 1904 die Firma Jäger in den Straßen Průmyslová und Větrná.

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Der Höhepunkt der städtebaulichen Entwicklung war zwischen den Weltkriegen die Regulierung des Zentrums, die ein großstädtisches Flair bekommen sollte. Damals wurde das Neue Rathaus (1933) gebaut und der Gewerbeplatz (Horní náměstí) mit der Herz-Jesu-Kirche (1931) von Zasche und dem Springbrunnen von Metzner (1930) abgeschlossen. Dies führte zur Vollendung der einzigartigen urbanen Komposition von drei kaskadenartigen Plätzen mit den unübersehbaren Dominanten der drei Türme – des alten und neuen Rathauses und der katholischen Kirche.

 

Jablonec 1931